Ist Alleinsein schlimmer als Ansteckung? CategoriesThüringer Allgemeine Zeitung - Kolumne

Ist Alleinsein schlimmer als Ansteckung?

Wir mussten auf die Großeltern zum Familienfest verzichten – gefallen hat das keinem

Von allen Osterfesten, die wir im Verlauf unseres Lebens nun schon gefeiert haben, wird uns dieses eben vergangene ganz gewiss in Erinnerung bleiben. Es war das mit der stornierten Kurzreise an die See, das mit der abgesagten Einladung bei guten Freunden, dem ausgefallenen Zoo-Erlebnis oder das ohne Oma und Opa. Zwar gab’s den Osterspaziergang, doch selbst der ließ es am ‚bunten Gewimmel geputzter Menschen‘ fehlen und natürlich hörte man auch nichts von „des Dorfs Getümmel… wo zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein!“ wie es einst Dichterfürst Goethe im Überschwang von Frühlingsglück formuliert hat. Mensch sein darf man derzeit vor allem zuhause in seinen vier Wänden, im Garten, im Hof.

Gegen Mittag läutete es an der Haustür, und als ich öffnete, stand da unser Nachbar an der Pforte, mit Mundschutz, artig Abstand wahrend, in der Hand ein Körbchen voller Süßigkeiten. „Das hat bei mir der Osterhase für Ihre Mädchen abgegeben“, sagte der liebenswürdige alte Herr lächelnd. Wir kennen ihn seit Jahren. Auch seine Frau, die vor Monaten im Pflegeheim untergebracht wurde, und die er nun wegen des Corona-Virus nicht besuchen darf. Trotz der Distanz sah ich, wie ihm beim Erzählen eine Träne aus dem Auge kullerte, und plötzlich ging mir eindringlicher denn je auf: ohne Liebe, ohne Nähe und ohne Hoffnung kein Ostern! Dennoch wünschten wir uns ein schönes Fest, wohl wissend, dass es für ihn bestimmt kein so schönes sein würde. Auch für unsere Uroma wahrscheinlich nicht.
Den Ostersonntag im vorigen Jahr hatten wir noch gemeinsam auf einer sonnigen Waldwiese über Creuzburg verbracht, bunte Eier gesucht, Ball gespielt, geplaudert und dabei den prall gefüllten Picknick-Korb geplündert. Nun rief sie an, erklärte, es gehe ihr gut, und befahl dann mit scheinbar resoluter Stimme: „Bleibt um Gotteswillen schön daheim!“ Hoch in den Achtzigern gehört sie zur „Risikogruppe“, die soziale Kontakte weitestgehend meiden soll – und die sie aus Angst, einem ihrer Lieben möglicherweise zu schaden, auch von sich aus meiden will. Unter Verweis auf Zahlen und Fakten empfahl der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer jüngst sogar die strenge Isolation sämtlicher Personen jenseits der 65, um allen Jüngeren ihren Alltag wieder zurückzugeben. Der Meinung vom SeniorInnen-„Cocooning“ schließen sich viele an; von herzlosem Nützlichkeitsdenken, mit dem Menschlichkeit auf’s nackte Leben reduziert wird, wollen sie nichts hören – „Erst die Fakten, dann die Moral!“, heißt es.  Ob die Verfechter der Idee daran denken, dass in nicht allzu langer Zeit die „Alten“ und potentiell Gebrechlichen sie selber sind? Dass dann statt des Covid-19-Virus vielleicht ein anderes, ebenso aggressives grassiert, für das der Impfstoff fehlt.

Schon verrückt zu sehen, wie die Pandemie die Gesellschaft aufspaltet, Gruppierungen generiert, gegeneinander in Stellung bringt und dabei die oft und gern beschworene „Wertegemeinschaft“ ausleuchtet. Aber eigentlich rückt das Virus ja doch nur ans Licht, was schon vorher da war, oder?

Kolumne erschienen in TA Eisenach Lokalteil am 16.04.2020
Die Kolumne erscheint immer donnerstags im Lokalteil von Eisenach / Thüringer Allgemeine Zeitung.

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