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Einfach Machen, statt Reden

Graffitis sind überall da zu finden, wo Jugendkultur lebt. Hier ganz frisch im Kinder- und Jugendzentrum „Nordlicht“ in der Stedtfelder Straße in Eisenach

Zum Glück finde ich diese Straßenkunst vermehrt auch bei uns in Eisenach! Durch meine Arbeit als Projektkoordinatorin, Redakteurin und Bloggerin oder weil ich vielleicht einfach offen gegenüber jungen Menschen bin, begegne ich immer öfter einer kreativen, jungen Szene, die durchaus politisch und engagiert ist.Schaue und höre ich näher hin, lerne ich hier viele, junge Leute kennen, die etwas zu sagen haben. Wie neulich auf der Wartburg als ich zu Gast bei einer Debatte war, die sich die Eisenacher Schülerakademie mit Norbert Lammert, dem ehemaligen Bundespräsidenten, lieferte. Ich war begeistert von den redegewandten und klugen, auch kritischen Beiträgen einer Generation Z, die hier, weil sie eingeladen war, ganz offiziell in Erscheinung trat. Aber muss es denn immer so linear und förmlich sein? Nein, denn die Ansichten jener Generation werden uns auch ganz subtil vermittelt etwa beim Konzert von Deus17, Eisenachs HipHop-Musikern vor ein paar Wochen im Bürgerhaus. Aber auch über Graffitis, die in der Stadt zu finden sind, kommuniziert eine Jugendkultur. Hierzu zähle ich keine Schmierereien und omnipräsenten Schriftzüge, die nur Insider verstehen oder tatsächlich hirn- weil sinnlos dahin geklierte Tags, sondern den künstlerischen Ausdruck einer jungen Lebenswelt, die auch politische Dimensionen hat. Warum sollte sie das auch auch nicht haben? Vielleicht weil über die Politik so wenig für sie erreicht werden kann?

Lieber machen statt lang reden scheint wohl effektiver.

So haben Eisenacher Jugendliche nach langem Reden mit der Stadt, ihre Skaterrampe als Begegnungort endlich selbst gebaut und mit Graffiti gestaltet. Mittlerweile finden dort auch Konzerte statt – Ein Ort gelebter Jugendkultur! Unter dem Label einer eher schwerfälligen und ansonsten braven Touri-Stadt, bewegt sich also eine Szene, die sagt

Hey, wir sind da und wir gestalten unseren Sozialraum mit, ob ihr uns nun dabei helft oder nicht.

Dass diese Generation sich gerne an der Stadtentwicklung beteiligen möchte, zeigte auch die rege Teilnahme am Graffiti-Workshop auf der Esplanade am Markt zur Veranstaltung „Macht der Worte“ Schauen wir also näher hin, ist Eisenachs Jugend präsent, hängt nicht teilnahmslos, apolitisch und Corona-gebeutelt vor ihren PC`s sondern sie vertritt ihre Meinung in Debatten, sie rappt über ihre Lebenswelt oder spricht durch ihre Graffitis – Das in Eisenach – man glaubt es kaum! Richten wir den Fokus also auf das, was uns tagtäglich begegnet dann kann man ganz viele Möglichkeiten des Austauschs erkennen, die nur verstärkt genutzt werden müssten. Seit Corona haben sich eben nicht nur die online Kanäle geöffnet, fehlte es doch vor allem hier an direktem Austausch und echter Begegnung, sondern auch andere Kommunikationsräume, die es möglich machten, nicht nur oberflächlichen Smalltalk zu betreiben. Vor allem bei Jugendlichen zeigte sich ein Dialogbedürfnis, dass sie vielleicht selbst noch nicht kannten. Wenn die Welt voll von vorgefertigter Freizeitgestaltung ist, nehme ich mir einfach ein Produkt daraus nutze und bewerte es um mir dann das nächste zu nehmen.  Exkurs: Die Band „Deichkind“ hat jenen unreflektierten Konsum in ihrem Song „Cliffhängermodus“ thematisiert und verdient an dieser Stelle unseren Applaus!

Was wollt ihr eigentlich?

Über wirkliche Bedürfnisse nachzudenken fällt einem unter diesen Umständen vielleicht gar nicht ein. Die letzten zwei Jahre haben aber gezeigt, wie schnell so ein Laden ausverkauft oder geschlossen sein kann und wie wichtig es dann ist, genau hierüber nachzudenken. Vielleicht entstand auch gerade in dieser Zeit ein Tatendrang, den wir im „Zauber von Ost“ entdeckt haben? Dass Austausch, Begegnung und vor allem die Resonanz auf die eigene Lebenswelt essentielle Grundbedürfnisse sind, die nicht nur besprochen werden dürfen, sondern einen Ort im Sozialraum brauchen an dem sie entstehen, ausgetauscht, verhandelt und auch gelebt werden können, wurde vorher nie so deutlich. Allerdings auch nicht, dass die Kommunikationsräume differenzierter sind als vorher. In diesem Sinne ist der Weg das Ziel beim Bau einer Skatboard-Rampe oder beim Planen eines Konzerts oder Jugendklubs, weil sich genau hier solche Räume öffnen.

Spinnen wir das mal weiter:

Wie offen wäre eine Stadt, einfach nur Möglichkeitsräume zur Verfügung zu stellen? Legale Graffiti Wände oder Räume der Selbstverwaltung wären ein Anfang aber auch der Beginn des wichtigen Dialoges, von dem hier die Rede ist. Es geht folglich um Freiräume, die nicht nur konsumiert werden, sondern über deren Inhalte und Gestaltung auch Verantwortung übernommen werden muss.

Deichkindkonsum 2022

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Ich bin Susanne Krauß und schreibe seit 2019 auf dem "Zaubererblog" Mit Caro, Steffi Birk und Sindy gehe ich für euch auf die Suche nach sonder- und wunderbaren Dingen unserer zauberhaften Stadt Eisenach und der Region. Ich liebe, was ich studierte und schreibe deswegen gerne aus der philosophischen Ecke über alles, worüber sich ein Nachdenken lohnt und den Dialog mit euch eröffnet. Viel Freude

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