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Racheakt eines Flüchtigen

Hier hat sich der Winter versteckt – im Ratsherrenbruch in der Eisenacher Weststadt

Zauberin Susanne Krauß hat Herrn Winter gefunden

Tja, ein bisschen traurig war das alles schon mit dem gecancelten Sommergewinn… Alle emsig gedrehten Blüten warteten vergebens auf Prachtentfaltung, „Gut Ei“ kam aus den Startlöchern nicht raus und „Kikeri“ hatte Stimmhöhe und -volumen umsonst geprobt. „Bach“ sollte das traditionelle Frühlingswillkomm‘ auf die aktuelle Kulturhöhe heben – stattdessen ging das ganze Fest den Bach runter. Falsch verstanden! Abgesagt wegen der pandemischen Coronaviren, die da womöglich nachhaltig mitgefeiert hätten! Aber stimmt das wirklich, oder waren‘s mal wieder fake-news? Man hat so seine Zweifel angemeldet über den „wahren Grund“ der Absage: Herr Winter habe die Nase wohl endgültig voll gehabt vom alljährlichen Streit mit der goldenen Schickse, bei der er ohnehin seit ewigen Zeiten stets den Kürzeren zog. Und das, obwohl es zu manch einem Festtermin mitunter recht munter gestürmt und geschneit hat und an Frühling nicht zu denken war! Es wird auch gemunkelt, dass unser Väterchen Frost nach der letzten schmerzlich unverdauten Niederlage vor einem Jahr allen Isenächern und Anverwandten die rote Karte gezeigt und sich „vorübergehend in die Höhenlagen der Alpen“ zurückgezogen hätte. Dort würde er schmollend in einer Gletscherspalte hocken und über Gleichberechtigung sinnieren. Na, im Ernst: musste man ihn denn auch immer gleich öffentlich abfackeln, den armen eisgrauen Kerl? Hatte denn überhaupt keiner ein Quentchen Mitleid, wenn er schrie „Zu Hilfe! Mir wird so warm! Ganz kraftlos werden mir Hände und Arm, und ich fühle, es … ist … das … Ende!“

Wanted: eine Suchanzeige für den flüchtigen Winter

Jetzt sieht es jedenfalls so aus, als hätten wir ihn spätestens im letzten Jahr total vergrätzt und vergrault. Sackig wie er war, ist er seitdem verschwunden, hat sich 2019/20 sogar selbst gänzlich ausfallen lassen und allen, die weiße Weihnachten oder Winterwaldwanderungen wollten, den Stinkefinger gezeigt, rein ideell natürlich. Ja, und nun vermisste man ihn offenbar doch. Aus gutem Grund, denn eingangs zum ganz traditionswidrig stillen Stiegk, in weiser Vorausschau sicher auch nicht uneigennützig, bat am Wochenende ein Steckbrief am Zaun um zweckdienliche Hinweise: „Gesucht wegen unterlassenem Einbruch: der Winter!“ Anhand hilfreicher Personenbeschreibung – „cooler Typ, frostige Umgangsformen, eisiger Blick…“ – dürfte es nicht schwer sein, den Flüchtigen zu erkennen…

Und ich glaube fast, ich habe sein Versteck per Zufall ausgemacht! Nicht in den Alpen, Gott bewahre! Sondern sage und schreibe in der Eisenacher Weststadt, und zwar am sog. Ratsherrenbruch. Wenigstens vorgestern muss er dort herumgekrochen sein, wie die von Eiszapfen verzierte Felswand beweist. Ob er dafür heftig ein- und ausatmen musste oder pure Coolness und sein eisiger Blick schon gereicht haben – wer weiß? Jeden Täter zieht‘s an den Tatort zurück, heißt es, also darf Frau Sunna wohl recht getrost auf den nächsten Sommergewinn lauern, derweil uns Herr Winter im Verbund mit Hoch Jürgen aus Nordwestrussland zwar Sonne satt beschert, doch vor der Haustür in Schockstarre erfrieren lässt – so als kleine fein(frostig)e Racheaktion und als Botschaft „mich gibt‘s noch!“   

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